Impressum  Kontakt China 27. September 2013 - 09. Januar 2014  Ni Hao oder doch Salamaleiküm? Und wieder mal läuft uns die Zeit davon… Diesmal sind aber weder Wetter noch Visa  schuld, sondern die Ferien, die auf den Nationalfeiertag der Chinesen am 1. Oktober  folgen. Mit all den Wochenenden und Brückentagen soll die Grenze m 28. September für  ganze 14 Tage geschlossen bleiben! Also packen wir die letzte Chance und stehen um halb  sechs morgens an der Hauptstrasse in Sary Tash, um einen Lastwagen anzuhalten, der uns bis zur Grenze mitnimmt. Kurz darauf sitzen wir in einem topmodernen Volvo-Führerhaus  und bestaunen den Sonnenaufgang und das Bergpanorama. Wegen der perfekten Strasse und der unglaublichen Aussicht  sind wir etwas traurig, nicht auf dem Velo zu sitzen. Aber wir wollen heute noch China erreichen, was sich als noch  schwieriger als der Visa-Antrag herausstellt. Die Kirgisische Grenze passieren wir ohne Probleme. Stempel in den Pass und dann auf den Lastwagen warten, der uns auch  noch die nächsten vier Kilometer durchs Niemandsland mitnimmt. Von der ersten Chinesischen Grenze bis zu einem zweiten  Grenzposten sind es 140 km. Diese Strecke müssen alle Fussgänger - und natürlich auch die Radfahrer - mit einem  autorisierten Taxi zurücklegen. Bevor wir uns aber überhaupt um eine Mitfahrgelegenheit kümmern können, werden uns die  Pässe abgenommen und alle Taschen aufs Genauste untersucht. Sogar den Computer müssen wir starten.  "It is our duty, to find a Taxi for you" (Es ist unsere Pflicht, ein Taxi für euch zu  finden) meint der einzige englischsprechende Grenzbeamte. Davon merken wir aber  leider nichts. Auf dem Dach eines Jeeps sind schon zwei Velos von anderen  Radreisenden festgeschnallt, der Minibus ist mit Kirgisen vollgestopft und das einzige  andere Taxi ist viel zu klein für unsere Fahrräder. Die Führerin einer englischen  Luxustour lehnt es kategorisch ab, uns mitzunehmen, obwohl in ihrem Bus genügend  Platz vorhanden ist. Gegen Mittag werden wir und die Beamten langsam nervös. Sie wollen die Grenze zu  machen und wir nichts wie weg hier. Die Beamten wollen unsere Velos dabehalten  oder uns zurück nach Kirgistan schicken. Beides kommt für uns nicht in Frage. Wir  werden auf nach der Mittagspause vertröstet. 10 Minuten später taucht unsere Rettung auf: ein Pickup. Schnell sind wir mit dem  Fahrer einig. Trotzdem müssen wir zwei Stunden warten, bis die chinesischen Beamten vom Essen zurückkehren. Dann erhält  der Fahrer unsere Pässe und es geht endlich los. Den zweiten Grenzposten erreichen wir gerade noch vor Dienstschluss. Nochmals wird  alles Gepäck durch den X-Ray geschickt und unsere Pässe ins System eingetragen.  Dann endlich haben wir's geschafft: der Stempel ist im Pass und wir sind definitiv in  China! Nach kurzen Verhandlungen mit dem Fahrer lassen wir uns in die nochmals  hundert Kilometer entfernte Stadt Kashgar chauffieren.   In der Altstadt von Kashgar sind wir uns dann allerdings nicht mehr ganz so sicher, ob  wir bereits in China sind oder nicht. Die hier ansässigen Uiguren sehen aus wie  Zentralasiaten. Ihre Sprache gehört in die Familie der Turksprachen und ihre Religion  ist der Islam. So hören wir noch immer das bestens bekannte "Salamaleikum" und  Rosy muss sich noch etwas gedulden, um ihre Chinesisch-Kenntnisse auszuprobieren.  Peking versucht mit Ansiedlungsprogrammen Han-Chinesen hierher zu locken. Je nach  Strasse wähnt man sich also in einem anderen Land. Der Nacht-Markt, auf dem wir  nach der nervenaufreibenden Grenzüberquerung und der langen Autofahrt etwas  Essbares anpirschen, ist fest in uigurischer Hand. Was das reichliche Angebot an unterschiedlichsten Fleischwaren beweist:  Gedünstete Kutteln, frittierter Fisch und Hühnchen in allen Variationen. Wir entscheiden uns für Nudeln und Gemüse. "Göscht  jok!" (kein Fleisch) wird hier zum Glück noch verstanden.  Kashgar ist nach chinesischen Massstäben eine Kleinstadt. Dennoch sind wir nach der  Kargheit und Leere des Pamir Highways überwältigt. Unzählige Elektroscooter flitzen lautlos  durch die Strassen, gesteuert von alten Männlein mit weissem Bart und typischem  viereckigem Hut oder Frauen mit goldenen Kopftüchern, prunkvollen Kleidern und Highheels.  Obwohl die Frauen es vorziehen mit ihren längeren oder auch kürzeren Röcken im Damensitz  auf dem Sozius mitzufahren und dazu meist noch ein oder zwei Kinder auf dem Schoss  mitzuführen. Aber auch das riesige Angebot an Lebensmitteln ist ungewohnt. An jeder Ecke  gibt's Marktstände mit frischen Früchten, kleine Läden mit Süssigkeiten und Alkohol. Wir sind  im Paradies!  In den zwei Hostels der Stadt steigen alle Backpacker und somit auch alle Radtoureros ab. So treffen wir auch Johanna und  Jakub aus Polen. Bei Bier und Wein beschliessen wir die Strecke entlang der Takla-Maklan-Wüste gemeinsam in Angriff zu  nehmen.  Das Shanzhai- Hotel aus Kutcha  Was aus dem Westen kommt ist in China hip. Lieber werden aber nicht die offiziellen, lizenzierten Markenprodukte gekauft,  sondern billige Kopien, gefälschte Produkte und Plagiate. Für diese Produktepiraterie gibt es im chinesischen eigens einen  Namen: "Shanzhai"  Es bedeutet so viel wie Berg und Dorf, ist aber auch ein Ort in Südchina, wo besonders viele Fabriken  stehen. Mittlerweile hat hier in China -"Shanzhai" schon Kultstatus erreicht. Den Latte schlürft der trendy Chinese im Bucks  Star und fragt sich wieso ein teures IPhone kaufen, wenn das HiPhone genauso gute Dienste leiste. Pragmatisch, praktisch  veranlagt sind sie, die Chinesen. Es gibt wohl kein Produkt, das noch nicht kopiert worden ist. In Kutcha nächtigten wir sogar  in einem "Shanzhai- Hotel". Ein "möchte-gern-Luxus-Hotel" das unter den billigsten Bedingungen gebaut wurde.   Wir sind frustriert. Nach dem siebten Hotel das wir besichtigt  haben und das entweder keine Ausländerbewilligung hat, uns  zu teuer oder zu schmuddelig ist fahren wir zum "Shanzhai-  Hotel". Dies liegt wohl ebenfalls über unserem Budget,  denken wir. Die Türme auf beiden Seiten, die weite Einfahrt  und die Marmorsäulen mit viel Goldverzierung lassen uns  darauf schliessen. Verwundert hören wir dann aber, dass das  Hotel erstens berechtigt ist Ausländer zu beherbergen und  zweitens der Preis sogar ausgesprochen günstig ist. Doch  irgendwas scheint hier komisch zu sein. Während der  Besichtigung der Zimmer kommen wir plötzlich darauf was es  ist. Wir sind die einzigen Gäste weit und breit. In allen  anderen Hotels tummeln sich stets andere Hotelgäste. Nun  gut, das soll kein Grund sein das Zimmer auszuschlagen.  Während des Aufenthalts kommen wir den Vor- und  Nachteilen eines Shanzhai Hotels auf die Schliche. Auf der  einen Seite tropft uns das Wasser vom Lavabo direkt auf die  Füsse und verschwindet dann in den Ritzen des Bodens. Auch bei der Dusche funktioniert der Ablauf nicht. Dies erklärt der modrige Geruch im Badezimmer. Zum andern finden in den  riesigen Zimmern unsere Fahrräder problemlos Platz und uns stehen das Hotelpersonal und dessen Koch zu unserer  alleinigen Verfügung. Am Morgen nach der ersten Nacht steht ein Fotoshooting auf dem Programm. Das Personal möchte  Fotos von uns. Danach sind wir auf Du und Du mit der Rezeptionistin und der Koch fragt uns nach unseren Wünschen für das  Frühstück. Traurig an einem sogenannten "Shanzhai Hotel" ist die Verschwendung an Bauressourcen und Energie. Auf Grund der billigen  Bauweise und der vernachlässigten Instandhaltung ist es nach nur sechs Jahren schon halb verlottert und in weiteren sechs  Jahren wird es wohl abrissfällig sein.  Ferien in den Ferien nötig  Die ersten 400 km entlang der Takla Makan Wüste hatten wir das Glück, auf einem  neuen, noch nicht eröffneten Highway fahren zu können. Die Begleitung von  Johanna und Jakub aus Polen gestaltete die sonst eher monotone Strecke  abwechslungsreicher. Nach Aksu war dann der Luxus der privaten Autobahn leider  zu Ende. Da stellt sich uns eine bisher unbekannte Herausforderung: Das  Pneufetzen-Slalom-Fahren. Der chinesische Otto-Normal-Lastwagenfahrer pflegt  seine alten Pneus direkt auf der Autobahn zu entsorgen, in dem er einfach fährt,  bis der Pneu in Stücke fliegt. Für uns hat das insofern eine Bedeutung, da diese  ausgefransten Pneufetzen, mit feinen Drähten durchzogen sind, die grösste Gefahr  für unsere Pneus bedeuten. Um dies so weit als möglich zu vermeiden, geben wir  einander Handzeichen, um uns gegenseitig auf die drohenden Drähte aufmerksam  zu machen. Nach ungefähr 1500 km flacher Wüste, erreichen wir Turpan. Diese Stadt liegt am Rande einer Depression, welche den mit  154 m unter dem Meeresspiegel den dritttiefsten Punkt der Erde markiert. Um einen kleinen Teil der riesigen Distanzen in  diesem Land zu überwinden, nehmen wir einen Nachtbus ins ca 500 km entfernten Dunhuang. Hartnäckige Erkältungen  gepaart mit Durchfall und kalten Temperaturen lässt unsere Stimmung auf den Tiefpunkt sinken. Wir sind seit Monaten  unterwegs, haben nie länger als drei bis vier Tage an einem Ort verweilt haben und sind durch die unterschiedlichsten  Kulturen mit uns unbekannten Sprachen und in extremen Klimatischen Bedingungen gereist. Dies zerrt an unseren  psychischen und physischen Reserven. Und uns ist klar: wir sind ferienreif!   Bis zu den ersehnten "Ferien" soll jedoch noch einige Zeit verstreichen. Denn wo wir jetzt  schon mal hier sind, wollen wir all die interessanten Orte auf dem Weg Richtung Süden nicht  einfach links liegen lassen. Zuerst fahren wir noch nach Xining. Diese Stadt liegt auf 2200  MüM, am Rande des Hochplateaus von Tibet. Um uns nochmals so Richtig den Rest zu  geben, beschliessen wir von Xining ins 160 km entfernte Tongren über einen 3000 Meter  hohen Pass zu pedalen. Auch der Schneematsch am Morgen hält uns nicht auf. Unterwegs  passiert mir das grösste Malheur dieser Reise. Mit der Hintertasche bleibe ich bei einem  parkenden LKW hängen. Der Schaden könnte fast nicht schlimmer sein. Die Quick-Lock-  Schiene meiner Ortlieb Tasche ist gebrochen. Dies befriedigend zu reparieren ist fast  nicht  möglich. Ersatz zu finden ebenfalls. Was für ein doofes System. Da wird doch mal eine Mail  an Ortlieb fällig…  Tongren ist eine kleine Stadt mit zwei grossen buddhistischen Klöstern. Es fungiert als Pilger- und Marktort für viel Tibeter,  die von umliegenden Dörfern hierher kommen um zu beten und einzukaufen. Die Stimmung ist wild, aufregend, kunterbunt.  Die Menschen hier finden uns ebenso interessant, wie wir sie. Die Begegnungen sind herzlich, berührend. Das Kloster mit  seinen vielen Tempeln, Gebetsmühlen kunstvollen, farbenprächtigen Gemälden und Buddha Statuen atemberaubend. Trotz  der Strapazen hat sich also der Ausflug hierher mehr als gelohnt! Gerne würden wir mit den Velos weiter über das Plateau  Richtung Süden fahren. Das ist uns um diese Jahreszeit aber leider zu kalt, denn Strecke bewegt sich zwischen 3000 und  4500 MüM und es liegt auch schon an einigen Orten Schnee. Um mit den Velos per ÖV schnell in den wärmeren Süden zu kommen, führt der Weg leider zurück nach Xining und von dort  mit einem dirkten Zug nach Chengdu.  26 Stunden Zugfahrt in der Hartsitzklasse   Da wir nicht frühzeitig einen Schlafplatz im Zug reservieren konnten, mussten wir mit zwei Hartsitzen vorlieb nehmen,  definitiv ein unvergessliches Erlebnis:  Es ist 7 Uhr 15. Einmal mehr sind wir knapp dran. Der Zug fährt um 9 Uhr 20. Davor wollen ca 15 km zum Bahnhof  zurückgelegt und die Zixingche (sprich: Zeschingsche) aufgegeben werden. Wir haben keine Ahnung wie lange das dauern  wird. Wer weiss, was für ein bürokratischer Aufwand dafür nötig sein wird. Leise Panik keimt in mir, umso mehr trete ich die  Pedale. In Rekordzeit treffen wir beim Bahnhof ein, doch wir gönnen uns keine Verschnaufpause. "Ach du heilige…" denke ich.  Vor dem Eingang ist eine Riesenmenschenmenge versammelt. Jeder buckelt, schleppt oder zieht ein Riesengepäckstück mit  sich. Wir stürzen uns auf den erstbesten Uniformierten. Nach flüchtigem Blick auf unser Zettelchen mit dem "Wir möchten  diese Fahrräder nach Chengdu senden" in chinesischen Schriftzeichen, weist er uns gelangweilt in die Halle. Ok, es führt  scheinbar kein Weg daran vorbei. Wir zwängen uns mit unseren sperrigen Rädern in die Schlange. Alle 12 Taschen abladen,  durch das X-Ray lassen und wieder aufladen. So und wo befindet sich nun der Gepäckschalter?! Erneut schnappe ich mir eine  Beamtin mit Megaphon und zeige auf meinen Satz. Nachträglich frage ich mich ob die sich überhaupt die Mühe gemacht  haben, den zu lesen. Sie schickt uns unbestimmt in die Richtung, in die die ganze Masse steuert. Aber einen Schalter kann  ich nicht erkennen. Ich werde misstrauisch und frage noch eine andere. Diese scheint endlich zu kapieren, was wir wollen.  Zielstrebig meint sie "Come." Und geht in die Richtung davon, aus der wir hergekommen sind. Aus der Halle hinaus. In einem  anderen Gebäude finden wir endlich den richtigen Ort und nun läuft's problemlos. Auch wenn sich die Diensthabende noch in  der Aufwachphase befindet, ist das kleine Formular innert nützlicher Frist ausgefüllt, der Betrag von 286 RNB bezahlt und wir  haben uns von unseren Zixingche verabschiedet. Ohne Velos und mit nur einer Tasche läuft der X-Ray-Marathon diesmal bedeutend stressfreier ab. Mit hunderten andern  steuern wir an einer erneuten Kontrolle vorbei aufs Perron. Den nummerierten Sitzplatz zu finden, ist nicht schwer. Für jeden  Wagon gibt's ein Zugbegleiter. Das Abteil ist noch halbleer, füllt sich aber stetig. Im Wagon geht es schon heiss und gesellig  zu und her. Es werden fein geschnittenen Magenstreifen mit Chilisause herumgereicht, nebenan sind sie schon eifrig am  Jassen. Wir sind in einem Viererabteil gelandet, wo etwas mehr Platz ist als im gegenüberliegenden Sechserabteil mit fünf  Männern und einer Frau. Von Ihr sieht man die ganzen 26 Stunden nur ihr Kopftuch, unter dem sie fast die ganze Fahrt  schläft. Mittlerweile haben sich auch die Gänge mit Menschen und Gepäck gefüllt. Ein Durchkommen zum Klo oder dem  Heisswasserhahn gleicht einem Hindernislauf. Wer Körperkontakt scheut, dem sei dies nicht empfohlen. Kurz vor der Abfahrt  steigt ein breitschultriger Mann mit weissem Hui- Hüttchen ein. Er macht sein Platz im sechser Abteil geltend. Der Junge am  Fenster schüttelt heftig den Kopf und senkt dann sein Blick auf den Boden. Ohne ein wütendes Wort oder eine Miene zu  verziehen, quetscht sich der Breitschultrige zu den drei Männern in die Mitte. So verbleiben sie fast die ganze Fahrt. Der  unrechtmässige Platzbesetzer, steht zwar immer mal wieder auf, um sich ein Platz im Gang zu suchen, aber oft sind sie eben  zu viert auf die Bank gequetscht, oder die drei älteren Männer wechseln sich im Stehen ab. Auf jeden Fall beobachte ich  solche Situationen mehrfach und nie sind sie Grund für Ärger oder Wut.  Fast zu jeder Tages- und Nachtzeit pilgern Menschen zum Heisswassertank, um dort ihre Grünteeflaschen und die  Nudelsuppenpappbecher aufzufüllen. Jedes Mal fürchte ich mich argwöhnisch, etwas von der heissen Suppe könnte bei all  den Beinen, Füssen und Rücken im Weg verkleckert werden. Aber nein, alle haben ihre Pappcontainer ausnahmslos im Griff.  Um das leibliche Wohl muss in chinesischen Zügen niemand besorgt sein. Ständig wandern Wägelchen mit frischem Poulet,  Reis und Gemüse, Bier und Getränke den Zug hinauf und hinab. Wie die durch das Gewühl kommen ist mir persönlich ein  Rätsel aber offensichtlich ist es möglich. Nach den Wägelchen kommen Verkäuferinnen mit vakuumiertem Tofu und  Hühnerfüssen, Kaugummis, Sonnenblumenkernen, Getränken und Zigaretten. Lautstark wird die Ware aus ihren  Umhängetaschen angepriesen. Und jeder langt gerne zu. Besonders die vakuumierten Hühnerfüsse sind beliebt. Gerne wird  eine Runde spendiert und genüsslich werden sie gemeinsam abgenagt. Wem das nicht genügt, der wird andauern über  Lautsprecher eingeladen leckeren Gerichte im Speisewagen zu konsumieren.   Chinesen sind gesellige Rudeltiere. Fast die ganzen 26 Stunden ist irgendwo eine hitzige Diskussion im Gange. Nur zwischen  ca 2:00-5:00 Uhr wird es etwas ruhiger. Aber mit der ersten Morgendämmerung geht es wieder von vorne los: Nudelsuppen,  Hühnerfüsse und Sonnenblumenkerne. Nach 26 Stunden sind wir froh am Ziel zu sein.   In Chengdu ist es erfreulicherweise bedeutend wärmer. Die Menschen sitzen selbst am Abend  noch draussen beim Nudelsuppen und Hot Pot (Fondu chinoise) essen. Und was für ein Glück,  unser Hostel nennt sich "Free guys" und dies steht für Abenteuer, Montain- und Tourenbike. Dem  Hostel angegliedert ist ein kleiner Bikeshop. Die "Free guys" sie sind uns behilflich Ersatzteile für  die kaputte Tasche zu finden und unsere Felgen zu ersetzen. Wirkliche Ferien gibt's noch keine, aber übermorgen fliegen wir für einen Kurztrip nach Hong  Kong. Wir müssen China kurz verlassen, um die zweiten 70 Tage unseres Double Entry Visa zu  erhalten. Grossstadtfeeling pur!  Anschliessend fahren wir von Chengdu aus mit den Zixingche Richtung Laos und Thailand,  hoffentlich den "richtigen" Ferien entgegen.  Holterdipolter, was für ein Abend!  Endlich oben! Während fast 60km haben wir uns die steile Strasse auf die Passhöhe hochgekämpft. Obwohl diese, wie auch  die Aussicht sehr unspektakulär sind, fühlen wir uns wie die Sieger einer Bergetappe. Schnell ein paar Kalorien einwerfen, die  winddichte Jacke und die Handschuhe montieren und weiter geht's. Das gibt ne tolle Abfahrt! Zu Früh gefreut! Nach wenigen  Kilometern verwandelt sich der perfekte Belag in eine staubig, dreckige Rumpelpiste, auf der wir kaum schneller runter als  hochfahren können und wir brauchen ewig für die Talfahrt. Verschwitzt, stinkig und hungrig erreichen wir Mianning, unser heutiges Ziel. Die ganz billigen  Absteigen lassen wir links liegen, heute gönnen wir uns was. Wir schliessen die Velos in der  Lobby zusammen und schleppen die Taschen aufs  Zimmer. Dann geht's direkt wieder runter ins hoteleigene  Restaurant. Ungewöhnlich viele Leute bevölkern den Saal  und die Stimmung ist laut und feuchtfröhlich. Wir  vermuten eine Gesellschaft, aber wir werden ja wohl  auch was zu Essen bekommen. Der Kellner reagiert  erstaunlich zurückhaltend, als wir nach einem Tisch  fragen. Erst als ein Mann am Ende des Saals bejahend  mit dem Kopf nickt, scheint er erleichtert und platziert uns an einem reich gedeckten  Tisch zu einigen anderen Personen. Sofort wird uns Schnaps eingeschenkt und  zugeprostet. Wir sind etwas verwirrt. Erst als sich ein junger Mann zu uns setzt, der  sehr gut Englisch spricht, wird uns klar, dass wir uns eben selber zu einer Hochzeit  eingeladen haben!  Die Braut ist nirgends zu sehen. Sie sei oben im Zimmer, welches das neue Haus symbolisiere, erklärt  Michael, der sich als Bruder der Braut vorstellte. Der Bräutigam kommt gerade an unseren Tisch und  wir stossen mit Hochprozentigem auf die morgige Hochzeit an. Und was ist heute? Gleich werde es  spannend äussert Michael und wir sollen ihm ins Zimmer der Braut folgen. Dort verbarrikadieren wir  uns gemeinsam mit der Braut, deren Geschwistern und Freundinnen, denn jetzt kommt auch der  Bräutigam. Dieser muss sich nun den Weg zu seiner Angebeteten "freikämpfen". Indem er einen  Kasten Bier leertrinkt besänftigt er die Bodyguards vor der Türe. Zum Glück helfen seine Kumpels.  Anschliessend feilscht er mit den kleinen Nichten der Braut um den "Eintrittspreis", welchen diesen  dann in roten Umschlägen überreicht bekommen. Jetzt darf er endlich ins Zimmer, um seine Braut mit  Gedichten und anderem Umwerben zum mitkommen zu überreden. Damit sie aber mitkommen darf,  muss er zu guter Letzt noch ihren versteckten Schuh finden. All dies passiert in einem wilden und  lauten Durcheinander, dass es schwer ist, den Überblick zu behalten. Fazit: Chinesische Bräutigame  müssen romantisch, reich und vor allem trinkfest sein! Kurz vor Mitternacht verabschieden wir uns  unter die dringend nötige Dusche.  Fernöstliche Geräuschkulisse   In China zu reisen ist sehr unterhaltsam und hat viele praktische Seiten. Manches darf man  hier, was zu Hause eher verpönt ist. Zum Beispiel können die Leute hier nach Herzenslust  angestarrt werden. Studiert Andy die Landkarte, geht es nicht lange und irgendjemand starrt  mit ihm mit. Das tönt jetzt vielleicht nervig, ist es aber nur in wenigen Fällen. Denn auch wir  nutzen dieses Verhalten. Wenn der Kellner unsere Rechnung zusammenzählt, gehen wir ganz  nah hin und schauen genau was er da rechnet. Zu Hause würden wir wohl eher etwas diskret  einen Meter vor dem Tresen warten. Ungewohnt für unsere wohlerzogene Schweizer Haut ist auch, dass in chinesischen  Restaurants oder Einkaufsläden nie Grüäzi und Ade gewünscht und dem Servicepersonal nie  gedankt wird. Ja wo kämen wir denn da hin, wenn man sich noch dafür bedanken muss, dass  die Serviertochter ihre Arbeit tut?! Die Leute hier reagieren meist verwirrt, überrascht bis  peinlich berührt, wenn wir uns bedanken. Auch Trinkgeld geben ist hier sehr unüblich.  Mehrmals haben wir sogar erlebt, dass im Restaurant der Endbetrag abgerundet wurde.  Immer eine nette Überraschung, bei den ohnehin schon sehr günstigen Preisen.  Sehr praktisch ist, dass überall hemmungslos auf den Boden gespuckt werden darf. Dies ist  auch nötig bei der argen Luftverschmutzung und dem exzessiven Zigarettenkonsum der  Männer hier. Das ganze soll möglichst geräuschvoll von Statten gehen. Hinten raufziehen,  CCCHHHRRR-ttschh flutscht der Choder in hohem Bogen auf den Boden. Andy ist schon ganz  gut darin. Ich übe mich fleissig. Gegenseitiges anfeuern hilft. "Ja, Bravo! Scheeenä dettä!"   Geräusche sind auch in Restaurants gefragt. Lautes Schlürfen gilt als Kompliment an die Küche. Anfangs konnten wir unsere  Schwiizerhaut noch nicht ganz abstreifen. Als wir als einzige Gäste in einem Restaurant still vor uns hin geschlemmt haben,  kam plötzlich die Köchin und fragte besorgt, ob es denn auch schmecke. Wir versicherten es ihr verwirrt und einige  Gedankengänge später realisierten wir, dass unser lautloses Essen sie verunsichert haben musste. Als wir zu schlürfen  begannen atmete sie erleichtert auf. Seit da schlürfen auch wir was die Nudeln hergeben. Dabei haben wir festgestellt, dass  das Schlürfen neben dem Feedback an den Koch auch noch eine praktische Funktion hat. In dem die Nudeln mit viel Luft in  den Mund gesogen werden, kühlen sie schneller ab und können so noch schneller verschlungen werden. Ob wir die  chinesische Haut wohl wieder loswerden, wenn wir dieses Land wieder verlassen?  Chinesische Fahrkünste  Auch Autofahren wird in China sehr praxisorientiert gehandhabt. Wer parkieren, telefonieren, sms lesen, mit Bekannten  plaudern oder aus einem andern Grund anhalten möchte, tut dies wo er gerade will. Dabei muss man sich keineswegs um  den Verkehr hinter einem kümmern. Alles was ich nicht sehe, gibt es nicht! Der  Rückspiegel ist allenfalls dazu da, die Frisur oder das Make up zu richten.   Taxis und Busse laden ihre Fahrgäste ein und aus, wo es gerade beliebt, auch wenn  sie mich nur Sekunden vorher überholt haben. Wer ein dicken LKW oder Bus fährt,  kann auch ohne weiteres in einer unübersichtlichen Linkskurve halten. Dies steigert  nur die Aufmerksamkeit der Mitstrassenbenützer. Von einer Nebenstrasse oder  Einfahrt rückwärts in die dichtbefahrene Hauptstrasse einbiegen, ohne nach links  oder rechts zu schauen, kein Problem! Eben was ich nicht sehe… Zum offiziellen Fahrlehrprogramm gehört offensichtlich das Hupen. Bevor  losgefahren wird MUSS die Hupe kontrolliert werden. Wird eines der zahlreichen  Hindernisse auf der Fahrbahn überholt, gehört es sich zuerst den Blinker zu setzen  und dann zu kurz hupen, bevor überholt wird. Dieses gepflegte Verhalten legen  jedoch nur Fahrschüler an den Tag. Geübte Strassenrowdies benutzen die Hupe meist anstelle der Bremse. Um mir ebenfalls  Gehör zu verschaffen, habe ich mir zusätzlich zu meiner netten Klingel die lautmöglichste Hupe zugelegt. So klingele ich  fortwährend, freudig vor mich hin und erst wenn ich es richtig ernst meine, kommt die Hupe zum Zug.    Eiskalt erwischt  Seit langem sind wir ernsthaft auf der Flucht vor dem Winter und dessen Kälte. In  der Provinz Yunnan, da wird es dann definitiv besser, versprechen uns die  Einheimischen und alle Reiseführer. Nie unter 10°C! Am Abend wo wir das erste  Dorf in Yunnan erreichen, ist es wirklich angenehm warm und wir freuen uns sehr.  Getrost verzichten wir nun in den Hotels auf die bis jetzt übliche Frage: "Haben  sie eine Heizung?"  So finden wir schnell ein sauberes Zimmer in einem  freundlichen Familienhotel. Als wir am nächsten  Morgen pünktlich um 8.15 Uhr parat sind zur Abfahrt,  beginnt es zu regnen. Dank unseres langen Chinavisums, drängt es uns nicht im Regen zu fahren.  Als es nach einer Stunde immer noch regnet, beschliessen wir einen Tag länger in Yongren zu  bleiben. Eine sehr weise Entscheidung, wie uns die weissen Überbleibsel des Regens übermorgen  bestätigen werden. Abgesehen davon, lohnt sich ein längerer Aufenthalt in Yongren auf alle Fälle.  Die Familie lädt uns zum Zmittag ein (es gibt Fondu chinoise) und am Abend treffen wir auf dem  Hauptplatz auf Gruppen, die zu dröhnender Musik aus verschiedenen  Verstärkern Volkstänze üben. Es gefällt uns so gut, dass wir gleich noch  einen Tag länger bleiben. Bei einem Zimmerpreis von RNB 50 (CHF  7.50) fällt die extra Nacht auch unserem Budget kaum zur Last.  Als wir am nächsten Morgen den Weg unter die Räder nehmen, treffen wir auf gefrorene Tümpel,  chinesische Schneefrauen, Palmen und Pflanzen die mit Raureif überzogen sind. Unser Thermometer  zeigt -3°C. Wo da die versprochenen 10°C sind, fragen wir uns entrüstet, aber mehr spasseshalber.  Denn dieser Kälteeinbruch kann nicht lange dauern und die Natur sieht so märchenhaft aus, dass  wir uns die Laune nicht verderben lassen. Die Fahrt über die 2000m hohen Pässe ist bei der frischen  Luft und so wenig Verkehr eine Traumstrecke. Reise zum Reis  Von anderen Veloreisenden haben wir den Tipp erhalten, unbedingt die Reisterrassen von Yuangyang zu besuchen. Also  verlassen wir Kunming, die Haupstadt der Provinz Yunnan Richtung Süden. Anfangs radeln wir entlang von zwei kleineren  Seen und wir erwischen meist kleine verkehrsarme Strässchen, wo uns nicht ständig Lastwagen und andere motorisierte  Vehikel mit Abgasen einlullen. Dann wird die Landschaft immer hügeliger und steiler. Es fühlt sich an, als hätte jemand eine  nette Hügellandschaft an allen vier Seiten zusammengepresst, so dass  die Hügel und Täler immer steiler und ausgeprägter wurden. Als wir  Yuangyang erreichen sehen wir weit und breit keine Reisterrassen.  Enttäusch glauben wir uns schon in der falschen Stadt, denn nicht weit  entfern gibt es noch ein Yuangjiang. Doch der nächste Tag bestätigt,  was uns schon die vielen Prospekte im Hotel versprochen hatten: Es  gibt sie! Nach 30 km steiler Bergfahrt kommen die ersten Reisterrassen  in Sicht. Und nach der Passhöhe müssen wir alle paar hundert Meter  anhalten, um eine neue Aussicht zu bestaunen. Einzig der Dunst und  Nebel, die uns seit ein paar Tagen begleiten betrüben das  unglaublichen Panoramen ein wenig.  Die meisten Terrassen sind um diese Jahreszeit geflutet und glänzen  deshalb wunderbar im Licht der tiefstehenden Sonne. Traumhaft!  Während 1300 Jahren haben die Hani diese Terrassen von Hand  erschaffen und gepflegt. Wir begegnen vielen Frauen in der  traditionellen Tracht und Rituale sowie Brauchtümer werden stolz gelebt  und gepflegt. Die nächsten Tage sind unglaublich anstrengend, denn wir überwinden täglich mehr als  1000-2000 Höhenmeter, aber auch unglaublich toll. Immer wieder wechseln sich  Bananenplantagen und Reisterrassen ab, um den steilen Hügeln jeden erdenklichen  Quadratmeter Land abzuringen. Die einsamen Strässchen schlängeln sich entlang von  kleinen Flüsschen und steilen Bergflanken und immer im richtigen Moment taucht wieder  ein Dorf mit einem Restaurant oder Hotel auf. So haben wir uns Yunnan vorgestellt!  < Übersicht Michael (2.v.l.) , die Braut (Mitte) und Freunde