Impressum  Kontakt Iran  15. Juli - 20. August 2013  Heiss, heisser, Iran Wir sind im Backofen gelandet. Ich frage mich wo die Umluft-Funktion auszuschalten ist. Wir werden im eigenen Saft gegart. So kommt es uns zumindest vor, seit wir gestern die iranische Grenze überquert haben. Eigentlich ist bei solchen Temperaturen unser Plan, um 4.30 Uhr aufzustehen, um dann in der Morgenfrische einige Kilometer zurückzulegen und in der Mittagszeit ein Rastplatz zu suchen. Aber gestern kam alles anders. Wie jeden Tag. Der Grenzübertritt verlief speditiv und reibungslos und nach 91 Kilometern freuten wir uns um 13 Uhr über einen "frühen" Feierabend. Wir beschlossen im nächsten Ort ein Hotelzimmer zu suchen. Sobald wir irgendwo halten, kommen Männer auf uns zu und geben neugierig und hilfsbereit Auskunft. Aber wie sich herausstellte gibt es in "Shut" kein Hotel. Müde, verschwitzt und etwas  frustriert setzten wir uns in den Park. Keine fünf Minuten später kam die junge Frau im weissen Auto zurück, mit der ich soeben noch gesprochen hatte. "No Hotel, come to my home" meint sie. Erleichtert nahmen wir das Angebot an.  Bei Rahimeh Zuhause erhielten wir einen spannenden Einblick in das iranische Familienleben. Gelebt wird hauptsächlich in der geräumigen Küche, die mit orientalischen Teppichen ausgelegt und mit goldverzierten prunkvollen Sesseln ausgestattet ist. Die Klimaanlage mit dem Monster-Gebläse machte die nachmittäglichen 38 Grad Celsius drinnen erträglich. In dem Haushalt wohnen die Mutter, Hamide  und ihre drei Kinder Rahime 24, Elaheh 18 und Mohamed, 13. Für uns wurde sofort Fahrid angerufen. Er spricht gut Englisch und übersetzte. Die Frauen sitzen meist am Boden. Als die Männer den Raum betreten erheben sich alle Frauen. Die prunkvollen Stühle scheinen für die Gäste, die Männer und manchmal für die Mutter reserviert zu sein. Die Atmosphäre im Haus war sehr fröhlich und entspannt. Kleinigkeiten, wie ein aus Versehen ausgeschütteter Eimer, produzierten richtige Lachanfälle. Die Mädels krümmten sich vor Lachen. Wie schon in der Türkei beobachteten wir, dass die Jüngsten im Haushalt am meisten anpacken müssen. Die Hierarchien scheinen ganz klar geregelt zu sein. Je älter jemand ist, umso mehr Respekt verdient er und dementsprechend werden seine oder ihre Wünsche erledigt. Diese Form von gesellschaftlichem Gefüge hat den Vorteil, dass sie dem Einzelnen sehr viel Sicherheit bietet. Andererseits scheint sie auch sehr starr zu sein. Individuellen Wünschen sind hier Grenzen gesetzt. Am besten an dieser Gesellschaftsform gefällt mir der Zusammenhalt innerhalb der Familie. Nach einem herzlichen Abschied, sind wir jetzt Richtung Teheran unterwegs. Dresscode im Iran Wer das kunterbunte Getümmel und fröhliche Zusammensein einer Gruppe von Freunden beobachte, würde kaum vermuten, dass es sich im Iran befindet. Das Land, das eine Spitzenreiter-Position belegt in Sachen Kleidervorschriften und persönliche Unfreiheit. Die Frauen tragen kurzärmlige Blusen und die Haare sind offen. Wir sind mit ca. 15 iranischen Freunden von Mahyar, unserem Gastgeber, in den Bergen bei Teheran. Heute ist Freitag (hier wirklich ein Frei-Tag) und wir treffen uns, in den zum Klettern und Abseilen. Die Stimmung ist ausgelassen. Alle haben sich um die "Teilete" geschart und es wird gegessen und gelacht. Plötzlich ist Aufbruchsstimmung angesagt. Die elektronischen Geräte werden in Plastik eingewickelt und mit Klebeband umwickelt. Und es kann losgehen. Mit der ganzen Gruppe seilen wir über 2 kleinere Wasserfälle ab. Genau das Richtige bei diesen Temperaturen. Nach dem Canyoning verschwinden alle Frauen im Obergeschoss eines Restaurants und ziehen sich wieder "gesellschaftstauglich" an. "In den Bergen gibt es keine Polizei" meint Mahyar grinsend. Wie stark Vorurteile wirken, merkt wer reist. Schon vor der Reise sind wir von vielen Leuten angesprochen worden, ob es denn nicht gefährlich sei, durch den Iran zu fahren. Und da ich nun hier bin, merke ich, dass es für Touristen hier sehr sicher und absolut unproblematisch ist. Meine eigenen Vorurteile werden mir bewusst und ich muss diese revidieren. Zum Beispiel sind nicht alle Frauen in ein schwarzes "Zelt" gehüllt. (Tschador, persich, türkisch= Zelt). Etwa die Hälfte der Frauen trägt bunte Kopftücher und einen knielangen Mantel. Das Kopftuch rutscht nachlässig nach hinten, so dass die Haare zu sehen sind, wenn keine Sittenpolizei in der Nähe ist. Ja, die Sittenpolizei gibt es wirklich. Ich konnte es kaum glauben. Als wir mit iranischen Freunden eines Nachts in Teheran zu einem beliebten Aussichtspunkt liefen, ging plötzlich ein Raunen durch die kleine Gruppe: Police. Im selben Moment wird Nastara von "einem Zelt" angesprochen. Von einer Frau, die von Kopf bis Fuss in ein schwarzes Tuch gehüllt ist. Einige Meter hinter uns Polizei. Nach einigen angespannten Minuten und nachdem Nastara beschwichtigend und entschuldigend mit ihr gesprochen hatte, konnten wir weiter. Noch ein kurzer Zeigefinger auf mich: Tourist. Aufatmen. Nastaras schwarzer Mantel war nicht vorschriftgemäss geschlossen gewesen. Immer wieder betonen die Leute, die wir treffen, dass für uns Touristen absolut keine Gefahr bestehe, von der Polizei aufgegriffen zu werden. Aber für sie. Es kann durchaus vorkommen, dass die Menschen festgenommen werden wegen Vergehen wie, "zusammen die Nacht verbringen ohne verheiratet zu sein" oder "Freunde beider Geschlechts in der eigenen Wohnung beherbergen, die nicht verheiratet sind". Dafür kann es Geld-, Gefängnis- und Auspeitschstrafen geben. Es bedrückt und verärgert mich wie stark, die Menschen hier von der Regierung unterdrück sind. Denn die Menschen hier sind sehr herzlich, offen und hilfsbereit. Während die Regierung mit dem durchsetzen der Kleidervorschriften, der Zensur des Internets und ähnlich Wichtigem beschäftig ist, werden andere Dinge, wie zum Beispiel Umweltschutz oder die Förderung eines Umweltbewusstseins scheinbar ignoriert. So sehen wir hier überall Abfall. An Strassenrändern, auf Feldern, Spiel- und Picknickplätzen, in Bächen und Wäldern. Nichts destotrotz finden die Menschen hier einen Weg mit den Umständen zu leben. Mahyor und seine Freunde finden ihre Freiheit in den Bergen, wo es keine Sittenpolizei gibt. Und zu Hause hinter den schützenden Mauern freuen sie sich umso mehr, wenn es einmal eine seltene Gelegenheit gibt den selbst gekelterten Wein zu öffnen. Vom Abgasschlucker zum Ehrengast und Fernsehstar Zurück an der Nordküste, wo wir unsere Fahrräder gelassen hatten,  regnet es zwei Tage lang wie aus Kübeln!  Obwohl mit dem Regen die Luftfeuchtigkeit ansteigt, werden die Temperaturen endlich wieder etwas angenehmer. Hatten wir in Teheran noch 40-45°C, so sind es hier "nur" noch 24-28°C. Der Regen hat sich seit Wien zu einer Art Running-Gag entwickelt. Im dortigen Hostel erzählte uns der Barmann, der eine ähnliche Reise wie wir unternommen hatte, er hätte zwischen April und Ende September kein einziges Mal Regen gehabt. Nun geniessen wir also etwa zum 24. Mal den "letzten" Regen! Mit den Velos fahren wir weiter auf dem "Highway" Richtung Mashhad. Leider kein besonderes Vergnügen! Viele ältere iranische Lastwagen haben den Auspuff auf der rechten Seite, so ungefähr in Nasenhöhe. Wir verschwinden regelmässig in tiefschwarzen Abgaswolken. Eine Stunde Radfahren entspricht ca. einer Packung Galloise Bleu. Wir haben die Nase voll und biegen nach rechts ab, Richtung Alborz-Gebirge. Hier können wir das Velofahren trotz der anstrengenden Kletterpartie von 2700 Höhenmetern wieder geniessen. Kühler Wald und eine grandiose Aussicht Richtung Kaspisches Meer und auf die Berge rundherum entschädigen uns für die Strapazen. Immer wieder halten Autos, um zu fragen, woher wir kommen und um uns Früchte oder Brot zu schenken. Die Fahrer von Kleinlastwagen haben immer wieder Mitleid mit uns und wollen uns mitnehmen. Schwer für sie zu begreifen, dass wir selber hochstrampeln wollen und das auch noch geniessen! Der Gegenwind bremst unsere Abfahrt nach Shahrud, so dass wir leider keinen neuen Geschwindigkeitsrekord aufstellen. Aus der engen Schlucht führt die Strasse bald in ein breites Wüstental. Im Gegensatz zur Nordseite des Gebirges, wo bis auf 2700 Meter über Meer noch Bäume wuchsen, sind hier Sand und Steine in allen möglichen Farben und ab und zu Büschel trockenen Grases vorherrschend. Die stetig leicht abfallende schnurgerade Strasse macht den Kampf mit dem Gegenwind erträglich. Dennoch kommen wir verschwitzt und müde in Shahrud an. Umso mehr geniessen wir den Luxus einer Hoteldusche. Am nächsten Morgen machen wir uns auf den Weg in Richtung der 10 km entfernten Polizeistation an der Hauptstrasse. Hier wollen wir einen der Busse nach Mashhad erwischen, die hier alle halten müssen. Aber kurz darauf werden wir angehalten. Ein junger Mann mit zwei fetten Kameras hüpft aus dem Auto. Hussein ist Fotograph und möchte eine Reportage über uns machen. Wir werden in verschiedenen Posen abgelichtet. Stehend, fahrend, etc. Da er selber nicht besonders gut Englisch spricht, ruft er einen Freund an, der Leiter einer Englisch-Schule ist. Dieser lädt uns zu sich nach Sabzevar ein, welches ungefähr auf halbem Weg nach Mashhad liegt. Hussein verhandelt mit einem Truckdriver. Dann verladen wir die Velos und die Taschen auf den Lastwagen. Wir reisen komfortabler in seinem Auto. Wir haben etwas ein mulmiges Gefühl, die Velos und das Gepäck auf dem Lastwagen ziehen zu lassen. Aber wir vertrauen auf die Iranische Ehrlichkeit und auf Husseins Organisationstalent. Bei Massud und seiner Familie fühlen wir uns schnell zu Hause. Da er, wie erwähnt, der Leiter einer Englischschule ist, haben wir keine Verständigungsprobleme, denn auch seine Frau und die sechsjährighe Tochter sprechen perfekt Englisch. Nach Erfrischungen und dem obligatorischen Tee, wirft sich Massoud plötzlich in Schale. Vor einem Monat wurde er zum Vorsitzenden des Stadtrates von Sabzevar gewählt und jetzt muss er seine Repräsentationspflichten wahrnehmen. Heute steht ein Freundschaftsspiel zwischen den Handballmanschaften von Sbazevar und Mashhad auf dem Programm. Handball ist "die" Sportart in der Stadt und die hiesige Mannschaft seit Jahren ungeschlagener Champion der Iranischen Liga. Sportstadien sind im Iran für Frauen verboten. Natürlich hätten sie für Rosy eine Ausnahme gemacht, aber als einzige Frau… kein Vergnügen. So setzen wir Männer uns ins Auto und fahren zum Stadion, welches von aussen eher wie eine Fabrik aussieht. Nur ein kleines Schild, in Farsi natürlich, weist auf die Sporthalle hin. Das Spiel hat bereits begonnen, als wir eintreffen. Wir schleichen zu Seiteneingang und nehmen in der Ehrenloge, einer etwas abgetrennten Sitzreihe, Platz.  Sofort werden uns gekühlte Getränke gereicht. In der Pause begrüsst der Speaker mit blumigen Worten den ehrenwerten Vorsitzenden des Stadtrates - und speziell - den ehrenwerten Gast aus der Schweiz. Alle Köpfe drehen sich zu mir um. Wer unter einem Aufmerksamkeitsdefizit leidet sollte definitiv in den Iran reisen. Am besten mit langen blonden Haaren… Am nächsten Tag kommt es noch besser... Hussein der Fotograph möchte, dass wir ein Altersheim besuchen und er wir eine Fotostory und Fernsehrepportage daruber machen. Also ziehen wir unsere “Sonntagskleider” an und fahren mit den Velos zu einem Blumenhändler. Alles wird filmerisch und fotographisch festgehalten. Das Auto von Mehdi, einem weiteren Freund von Massud, hat ein Dachfenster und ist bestens dafür geeignet. Im Blumengeschäft kaufen wir Nelken und Narzissen und lächeln immer schön in die Kameras. Mit dren Blumen fahren wir zum Altersheim. Hier werden werden uns ein paar Fragen zu unserer Reise und unserem Besuch hier gestellt, welche von Massud übersetzt werden. Dann werden wir ins Altersheim geführt. Es ist die einzige und grösste Institution in dieser Provinz und nur für Frauen. Es leben hier ca. 450 Frauen, von denen die meisten keine Verwandten mehr haben, die für sie sorgen könnten. Zu 30% wird das Altersheim vom Staat finanziert, die restlichen Kosten werden durch Spendengelder abgedeckt. Von der Kamera begleitet wandern wir umher und verteilen die Blumen. In der Pflegeabteilung liegen 8-10 Frauen in einem Zimmer von 30m2. Für uns unvorstellbar. Viele freuen sich über die Blumen, lächeln oder küssen Rosy die Hand. Dann ist der Spuck vorbei und wir sind wieder entlassen... Eine halbe Woche später in Mashhad, sagt uns der englischsprachige Führer im Holy Shrine von Emam Reza (wichtigste Pilgestätte im Iran) ja, ja, er kenne uns von den Nachrichten. Was für ein komisches Gefühl!! < Übersicht